Die fünf Lösungen
der Gleichung x5 = 1.
Obige Nullstellen konnten wir sofort finden, weil in der Gaußschen Zahlenebene
die fünf Lösungen der Gleichung
x5 = 1
den Kreis um den Nullpunkt mit Radius 1 in fünf gleichlange Bogenstücke
aufteilen, angefangen bei der einzigen reellen Lösung x = 1. Die Division x
5-1 : x-1 =
x
4+x
3+x
2+x+1 = f(x) liefert uns daher für das besagte Polynom f die
rechts skizzierten vier nichtreellen Nullstellen, die sich mit Hilfe der Eulerschen Formel auch in die Form
cos
2kπ/5
+
i
·sin
2kπ/5
mit k = 1, 2, 3, 4 darstellen lassen.
Wir können diese trigonometrische Zahlendarstellung sogar recht einfach durch Radikale
ersetzen. Wegen
0 = sin
2π =
sin(5·2π/5)
folgt nämlich per Additionstheorem:
0 = 16
·sin
52
π/5
- 20
·sin
32
π/5
+ 5
·sin
2π/5.
Daher ist sin
2π/5
Nullstelle des Polynoms g(x) = 16x
4-20x
2+5 (das wir mittels
z:=x
2 zerlegen). Ebenso folgt, dass auch die Zahl
sin
4π/5
eine Nullstelle von g ist. Wegen der offensichtlichen Relationen:
sin
2π/5
>
sin
4π/5
> 0 stimmt die kleinere der zwei positiven Nullstellen
√5/8 ± Wurzel(5/64)
von g mit
sin
4π/5
überein und die größere mit
sin
2π/5.
Die beiden zugehörigen Realteile
cos
2π/5
und
cos
4π/5
transformieren wir anhand der Gleichung:
cos²
α =
1 - sin²
α ebenfalls auf Radikalgestalt.
Die Radikaldarstellung der zwei anderen Nullstellen des Polynoms f können wir nun durch Spiegelung
an der reellen Achse bestimmen.
Die
exakte Berechnung der Nullstellen eines Polynoms durch
Grundrechen- und Wurzeloperationen bezeichnet man als „Auflösung einer Gleichung durch Radikale”.
Die lineare Gleichung ax + b = 0 lässt sich einfach durch die Formel x = -b/a lösen, und
bei quadratischen Gleichungen kann man die quadratische Ergänzung anwenden.
Gleichungen vom Grad drei und vier können mit der Cardanischen Formel bzw. mit
dem Verfahren von Ferrari exakt gelöst werden. Solche allgemeinen Formeln gibt
es für Gleichungen höheren Grades allerdings nicht.
Zu dieser Erkenntnis gelangt man durch die Galoistheorie, wo man die sogenannte
Galoisgruppe
einer Gleichung betrachtet. Gewisse Untergruppen dieser Gruppe entsprechen nämlich
den Zwischenschritten zur Auflösung der Gleichung:
Präzise formuliert ist eine Gleichung genau dann auflösbar (ein Polynom ist
durch Radikale lösbar),
wenn Untergruppen der zugehörigen Galoisgruppe G existieren,
die eine Normalreihe G = G
o ⊃ G
1
⊃ ... ⊃ G
n = {id} bilden mit abelschen Faktoren G
i / G
i+1
i ∈ {0,...,n-1}. Die Lösungen einer Gleichung kann man also genau dann durch Radikale
darstellen, wenn die zugehörige Galoisgruppe auflösbar ist.
Die Galoisgruppe des allgemeinen Polynoms vom Grad
n ist die volle symmetrische Gruppe S
n, die für alle
n ≥ 5 nicht auflösbar ist. Daraus folgt der denkwürdige Satz:
Zu keinem n ≥ 5 existiert eine Formel, um die Nullstellen des allgemeinen Polynoms vom Grade n
exakt (durch Radikale) zu bestimmen.