Bemerkung:
Der Lösungsansatz y(x) = e
λx
geht auf Leonhard Euler
(1707 - 1783)
zurück, wobei man heute kaum noch ermessen kann, wie genial diese Entdeckung
war. Es liegt auf der Hand, nach anderen Lösungsansätzen zu fragen,
die also nichts mit der Eulerschen Funktion zu tun haben.
Man kann aber ohne viel Aufwand darlegen,
dass es solche Lösungsfunktionen nicht gibt - vgl. obige Antwort.
Für die hier untersuchten
(gewöhnlichen) homogenen linearen Differentialgleichungen
zweiter Ordnung mit konstanten Koeffizienten
folgt nämlich aus dem Existenz- und Eindeutigkeitssatz, dass es zu jeder reellen Zahl
x
o aus einem offenen Intervall I
und für alle komplexen Zahlen y
o,
v
o genau eine Lösungsfunktion
ψ gibt mit
ψ(xo) = yo und
ψ'(xo) = vo.
(Weiter unten zeigt sich, dass wir das Intervall I mit IR identifizieren dürfen.)
Mit Hilfe des Existenz- und Eindeutigkeitssatzes ist es kein Problem, die Dimension des Lösungsraumes
zu bestimmen. Aufgrund der speziellen Fragestellung haben wir in obiger Antwort allerdings
nur den Fall nichtreeller Nullstellen des charakteristischen Polynoms betrachtet und
zudem die Dimensionsberechnung nicht vorgeführt - was wir jetzt aber nachholen:
Wir wählen also ein x
o
∈ I und zwei Lösungsfunktionen Φ, η mit
Φ(xo) = 1
und Φ'(xo) = 0
η(xo) = 0
und η'(xo) = 1
sowie eine Lösung ψ mit ψ(x
o) =
y
o und
ψ'(xo)
= v
o. Wir definieren
h:= ψ -
(yo·Φ
+ vo·η),
dann ist h(x
o) = h'(x
o) = 0, also ist h identisch mit der Nullfunktion. Daraus folgt: ψ =
y
o·Φ
+ v
o·η, somit
erzeugen Φ, η den Lösungsraum W.
Angenommen, es gäbe eine komplexe Zahl z mit
z
·Φ =
η; wegen η(x
o) = 0
und Φ(x
o)
≠ 0 müsste z = 0 sein und η wäre die Nullfunktion -
im Widerspruch zu η'(x
o) = 1.
Daher sind Φ, η linear unabhängig und erzeugen, wie bereits gezeigt,
den Raum W; folglich gilt: dim W = 2.
Für
nichtreelle Nullstellen des charakteristischen Polynoms λ² + aλ + b
haben wir bereits oben explizit ein reelles Fundamentalsystem berechnet. Damit dürfte auch
klar sein, wie man mit zwei verschiedenen reellen Nullstellen verfährt.
Im verbleibenden Fall der doppelten Nullstelle -a/2 ist
exp(-ax/2)
eine Lösungsfunktion, und man prüft leicht nach, dass dann auch
x·exp(-ax/2)
eine Lösung ist. Offensichtlich sind diese Funktionen linear unabhängig, also liegt
wiederum ein Fundamentalsystem vor.
Damit ist auch klar, dass jede Lösung auf ganz IR definiert ist.
Physikalisch gesehen stellt die Differentialgleichung y'' + ay' + b = 0 mit konstanten Koeffizienten a, b > 0
gedämpfte Schwingungen dar und im Falle a = 0, b > 0 ungedämpfte Schwingungen. Wenn zusätzlich
eine äußere Störkraft auftritt (erzwungene Schwingung), ergibt sich die inhomogene Differentialgleichung
y''+ay'+b = s, wobei s eine stetige Funktion bezeichnet. Falls die Funktionen p, q diese inhomogene Gleichung
erfüllen, liegt q-p im Lösungsraum W der homogenen Gleichung. Folglich kann man jede Lösung
von y''+ay'+b = s in der Form p + W schreiben. Man muss daher irgendeine (partikuläre) Lösung p
finden, was jedoch grundsätzlich kein Problem ist - siehe
Variation der Konstanten.