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In diesem Beitrag erläutern wir eine universelle Formel, mit der sich lineare Rekursionsgleichungen auflösen lassen. Zuvor wenden wir aber eine recht handliche Lösungsmethode an:

Rekursiv definierte Folge

Anfrage:  C. Bayer, web
Von den Zahlen a, b ist zuerst der Mittelwert m1 = (a + b)/2 zu berechnen, dann der Mittelwert m2 von b und m1, dann der Mittelwert m3 von m1 und m2 und so weiter. Für a = 1 und b = 2 berechnet unser Computerprogramm nach 10 Schritten den Wert 1,666992188 und nach 20 Schritten 1,666666985. Schließlich stoppt alles bei 1,66666666667.

1) Ist das dann der endgültige Mittelwert?
2) Gibt es eine Formel für alle Mittelwerte?

Antwort:

Der „endgültige Mittelwert” (Grenzwert) ist die Summe aus a/3 und 2b/3. Das kann man wie folgt anschaulich herleiten:

Aus den Gläsern A, B gießt man jeweils den halben Inhalt a/2 bzw. b/2 in ein leeres Glas C. Die Hälfte aus C wird wieder nach B umgefüllt und so fährt man mit dem Umfüllen von B nach C bzw. von C nach B fort. Der Inhalt des jeweils volleren Glases strebt dann gegen den doppelten Inhalt des anderen Glases. Die „Grenzinhalte” betragen daher (a/2 + b)/3 bzw. 2·(a/2 + b)/3 = a/3 + 2b/3.

Auf diese Weise erhält man auch eine Formel zur expliziten Berechnung aller fraglichen Mittelwerte. Für jedes k ∈ IN  gilt: mk = a/3 + 2b/3 + (b/3 - a/3)·(-1/2)k.


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Bemerkung:

Jede reelle oder komplexe Zahlenfolge lässt sich als Abbildung f von der Menge IN ∪ {0} in die komplexen Zahlen |C auffassen. Unser Ziel ist die Auflösung der linearen Rekursionsgleichung

f(n+j) = λo·f(n) + λ1·f(n+1) + ... + λj-1·f(n+j-1)

für alle λi|C mit λo ≠ 0. Die zugehörigen Lösungsfunktionen bilden einen |C-Vektorraum V der Dimension j, wobei jede spezielle Lösung anhand der Werte  f(0),  f(1), ... f(j-1)  eindeutig definiert ist. Die übliche Addition von Funktionen liefert die additive Verknüpfung auf V, ebenso anschaulich ist die skalare Multiplikation definiert. Um eine Basis von V zu konstruieren, betrachten wir das (charakteristische) Polynom g mit

g(x) = xj - λj-1·xj-1 - λj-2·xj-2 - ... - λ1·x - λo.

(Wir verzichten hier auf eine Herleitung des Polynoms g, um den Rahmen dieses Beitrags nicht zu sprengen. Die Herleitung ist übrigens auch im Spezialfall der Fibonaccizahlen vollkommen anders, als es in den meisten populärwissenschaftlichen Beiträgen dargestellt wird.)

Aus dem Fundamentalsatz der Algebra folgt, dass g über dem Körper |C der komplexen Zahlen genau m ≤ j paarweise verschiedene Nullstellen b1,..., bm mit der Vielfachheit t1,..., tm und t1 + ... + tm = j besitzt. Unter Verwendung dieser Nullstellen definiert man die folgenden Funktionen gik, die eine |C-Basis von V bilden:

gik(n):= ni·bkn   mit g0k(0):= 1   (k = 1, ... , m ;   i = 0, .... , tk-1).

Wenn man nun irgendeine spezielle Lösung f ∈ V als Linearkombination dieser Funktionen schreibt, so ergibt das die explizite Darstellung von f.


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Beispiel:   Alle Fibonaccifolgen (mit 2 beliebigen Startwerten f(0) und f(1) ) genügen der linearen Rekursionsgleichung f(n+2) = 1·f(n) + 1·f(n+1). Das charakteristische Polynom x² - x -1 hat die Nullstellen b1,2 = ½·(1 ± ). Daher bilden die Funktionen g01, g02 mit g01(n) = b1n und g02(n) = b2n eine |C-Basis des zweidimensionalen „Fibonacci-Raumes”:

V = { f:IN ∪ {0} → |C mit f(n+2) = 1·f(n) + 1·f(n+1)}.

Somit existieren für jedes f ∈ V eindeutig bestimmte komplexe Zahlen w, z mit w·g01 + z ·g02 = f. Die Fibonaccizahlen 0, 1, 1, 2, ... bilden eine solche Folge f ∈ V, die durch die beiden Startwerte f(0) = 0 und f(1) = 1 eindeutig bestimmt ist. Um die explizite Darstellung von f zu berechnen, ist also das folgende Gleichungssystem zu lösen:

w·g01(0) + z·g02(0) = f(0) = 0
w·g01(1) + z·g02(1) = f(1) = 1.

Aus den zwei Lösungen w = 1/ und z = -1/ erhält man die Gleichung f(n) = 1/·g01(n) - 1/·g02(n), die als „Formel von Binet” bekannt ist.

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