Bemerkung:
Jacob Bernoulli
1654 - 1705
Das Bernoullische Gesetz der großen Zahlen wird nicht allein am Stammtisch, sondern
auch in vielen populärwissenschaftlichen Beiträgen
missgedeutet.
Die Autoren verwechseln Ursache und Wirkung, so dass der Eindruck entsteht,
als beeinflusse das Gesetz den Zufall. Daraus ergäbe sich dann
eine Art Ausgleichsprinzip, das beim Roulette und Lotto die
Ziehungsrückstände ganz gerecht wieder aufhebt - der Irrtum liegt also
im Glauben an eine absolute Häufigkeit, die gegen den Erwartungswert
strebt. Noch beliebter ist die Aussage, dass
die relative Häufigkeit immer besser der
Wahrscheinlichkeit entspricht, je öfter man ein Experiment wiederholt.
Das Wort „immer” zeugt hier ebenfalls von einem Missverständnis.
Wir erläutern jetzt das Gesetz der großen Zahlen, wobei
es eigentlich mehrere Varianten davon gibt. Für den Einstieg
reicht es aber vollkommen aus, nur die nach Bernoulli benannte Version zu betrachten:
Ein Zufallsexperiment
(zum Beispiel
die Ziehung der Lottozahlen
) werde
n-mal
unabhängig ausgeführt. Das Ereignis A habe die Wahrscheinlichkeit p und h sei die absolute
Häufigkeit von A nach n Versuchen. Wählt man die Zahl n hinreichend groß,
so kann man auch mit großer Gewissheit davon ausgehen, dass der Abstand der relativen
Häufigkeit h/n zu p unter eine beliebig vorgegebene Fehlerschranke ε > 0 fällt.
Setzt man nämlich in die Tschebyscheffsche Ungleichung
die Binomialverteilung B
n,p ein, ergibt sich:
Bn,p
{ h ∈ {0,...n} : | h/n - p | ≥ ε } ≤ p(1-p) / nε² ≤ 1/4nε².
Die Ereignisse | h/n - p | ≥ ε und | h/n - p | < ε
haben zusammen natürlich die Wahrscheinlichkeit 1 und daraus folgt:
Bn,p
{ h ∈ {0,...n} : | h/n - p | < ε } ≥ 1 - 1/4nε².
Damit erhalten wir als Folgerung aus der Tschebyscheffschen Ungleichung
das Bernoullische Gesetz
der großen Zahlen: Für jede Konstante ε > 0
strebt die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses
| h/n - p | < ε
für n → ∞ gegen 1.
Die Ungleichung von Tschebyscheff ist übrigens zur konkreten Abschätzung von
Wahrscheinlichkeiten nicht geeignet. Im Falle der Binomialverteilung ist das kein Problem, weil man ihre Werte
per Computer explizit bestimmen oder mit
der Normalverteilung näherungsweise berechnen kann.